Vielleicht habt ihr mich schon entdeckt. Ich sitze nämlich seit einiger Zeit bei TROTZDEM herum.
Mal auf einem Regal.
Mal auf einem Schreibtisch.
Mal in einem Besprechungsraum.
Mal in einem Onlinemeeting.
Wo man mich eben hinsetzt.
Ich selbst habe da bisher erstaunlich wenig Mitspracherecht.
Aber ich bin ja auch noch neu.
Manche Menschen bleiben vor mir stehen und lächeln.
Andere gucken mich an.
Dann gucken sie noch einmal.
Und manchmal habe ich das Gefühl, sie überlegen, ob mit meinen Augen etwas nicht stimmt.
Keine Sorge.
Das gehört so.
Zumindest wurde mir das gesagt.
Ich bin TROTZi.
Und eigentlich ist es ziemlich erstaunlich, dass ich hier überhaupt sitze.
Denn vor gar nicht langer Zeit gab es mich noch gar nicht.
Nicht einmal meine schiefen Augen.
Ich war eine Idee.
Und wie das mit Ideen manchmal so ist, weiß am Anfang niemand genau, was einmal daraus wird.
Im AKÖ, dem Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit von TROTZDEM e.V., enstehen immer wieder Ideen, wie Geschichten, Haltungen und Werte sichtbar werden können.
Manchmal wird daraus ein Text.
Manchmal eine Aktion oder ein Fest.
Und manchmal entsteht daraus überraschenderweise ein Stofftier.
Bei TROTZDEM gibt es also immer wieder Menschen, die sich regelmäßig zusammensetzen und überlegen.
Das können sie ziemlich gut.
Manchmal überlegen sie sogar sehr lange.
Sie sprechen über Kinder und Jugendliche.
Über ihre Lebenswege.
Über das, was sie brauchen.
Über das, was bleibt.
Und irgendwann stand eine Frage im Raum:
Was können wir einem Kind eigentlich mitgeben, das nicht mit dem Ende einer Hilfe verschwindet?
Das fand ich interessant.
Denn Erwachsene geben Kindern ziemlich viel mit.
Ratschläge zum Beispiel.
Regeln.
Termine.
Hilfepläne.
Berichte.
Ordner.
Fotoalben.
Manchmal vermutlich auch Sätze, an die sie sich später lieber nicht mehr erinnern möchten.
Aber was bleibt eigentlich?
Was kann ein Kind mitnehmen?
Etwas, das nicht reden muss.
Nicht fragt.
Nicht bewertet.
Nicht dokumentiert.
Sondern einfach da ist.
„Wie wäre es mit einem Stofftier?“
Tja.
Und jetzt sitze ich hier.
Perfekt sollte ich übrigens nicht werden
Darauf hat man sich ziemlich schnell geeinigt.
Ich finde das beruhigend.
Schaut euch mich schließlich an.
Meine Augen sitzen nicht ganz gerade.
Meine Form ist etwas eigenwillig.
Oben auf meinem Kopf ist nicht eindeutig geklärt, was das eigentlich sein soll.
Ohren?
Haare?
Zacken?
Ich habe beschlossen, diese Frage offen zu lassen.
Und dann sind da noch meine bunten Punkte.
Kurz gesagt:
Für eine Karriere als klassischer Teddybär sieht es eher schlecht aus.
Aber genau das war wohl die Idee.
Denn die Kinder und Jugendlichen, denen ich irgendwann begegnen werde, sind schließlich auch keine Exemplare aus einer Serienproduktion.
Jeder Mensch ist anders.
Jede Familie ist anders.
Jede Geschichte ist anders.
Manches im Leben ist gerade.
Manches schief.
Manches bunt.
Manches bekommt einen Knick.
Und manches versteht man erst sehr viel später.
Vielleicht ist es sogar ganz angenehm, jemanden neben sich zu haben, der offensichtlich auch nicht perfekt ist.
Noch sehe ich ziemlich nackig aus
Das soll sich ändern.
Denn meine bunten Punkte sind nicht nur Dekoration.
Zu mir sollen kleine Klettis und Anhänger gehören.
Und die können mit der Zeit etwas erzählen.
Vielleicht gibt es einen Kletti für etwas, das ein Kind besonders gut kann.
Einen für Fußball.
Einen für Musik.
Einen für einen wichtigen Menschen.
Vielleicht einen für Mut.
Oder für etwas, das man geschafft hat.
Vielleicht steht ein Kletti für einen ziemlich blöden Tag, den man trotzdem überstanden hat.
Und vielleicht gibt es Dinge, deren Bedeutung überhaupt niemand kennen muss.
Außer dem Kind.
Und mir.
Ich kann nämlich hervorragend Geheimnisse bewahren.
Bislang habe ich jedenfalls noch keines weitererzählt.
Gut – bislang hat mir auch noch niemand eines erzählt.
Aber irgendwo muss man anfangen.
Mit der Zeit werde ich mich verändern.
Nicht meine Größe.
Da mache ich mir keine Illusionen.
Aber mein Aussehen.
Meine Klettis.
Meine Erinnerungen.
Meine Geschichte.
Und irgendwann sehen zwei TROTZis vielleicht überhaupt nicht mehr gleich aus.
Das gefällt mir.
Denn Menschen tun das schließlich auch nicht.
Eine Sache beschäftigt mich allerdings
An meinem Körper hängt ein kleines Etikett.
Darauf steht:
„Ich gehöre __________.“
Im Moment ist die Zeile noch leer.
Ich gehöre noch niemandem.
Ich sitze hier.
Warte.
Beobachte Besprechungen.
Höre Menschen reden.
Und frage mich manchmal, wo ich wohl irgendwann lande.
Vielleicht bei einem Kind, das schon ziemlich viele Orte kennengelernt hat.
Vielleicht bei einem Jugendlichen, der zunächst findet, dass er für Stofftiere wirklich zu alt ist.
Das könnte interessant werden.
Ich kann warten.
Vielleicht liege ich irgendwann auf einem Bett.
Oder auf dem Boden.
Vielleicht fahre ich mit in den Urlaub.
Vielleicht lande ich im Rucksack.
Vielleicht werde ich nachts festgehalten.
Vielleicht werde ich irgendwann wütend durch ein Zimmer geworfen.
Auch das werde ich aushalten.
Ich bin weich.
Das ist einer meiner großen beruflichen Vorteile.
Vielleicht sitze ich aber auch einfach irgendwo herum und bin da.
Denn möglicherweise ist genau das manchmal wichtig.
Nicht immer etwas tun.
Nicht immer eine Lösung haben.
Nicht immer die richtigen Worte finden.
Sondern bleiben.
Dass es mich gibt, ist übrigens nicht selbstverständlich
Eine Idee allein reicht nämlich nicht.
Das habe ich inzwischen gelernt.
Menschen können ziemlich viele gute Ideen haben.
Damit daraus etwas zum Anfassen wird, braucht es andere Menschen, die sagen:
Ja.
TROTZi klingt nach Trotz.
Das ist durchaus beabsichtigt.
Denn manchmal steckt im Trotz auch etwas ziemlich Wertvolles.
Ein:
Ich bin noch da.
Ein:
Ich gebe noch nicht auf.
Oder ein:
Es war schwierig. Und trotzdem geht meine Geschichte weiter.
Vielleicht heiße ich genau deshalb TROTZi.
Weil in meinem kleinen Namen ein ziemlich großes Wort steckt:
TROTZDEM.
Über Eure Geschichten freuen wir uns über kontakt@trotzdem-ev.de
Man muss etwas, und sei es noch so wenig, für diejenigen tun, die Hilfe brauchen, etwas, was keinen Lohn bringt, sondern Freude, es tun zu dürfen.
Albert Schweitzer
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